Dezemberkolumne

Flint denkt über Länder und Graciano nach
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Kapitel 24, S. 205 Mitte, nach dem Kursivtext

(Dann lieber einen Wächter des Lichts, dem die Leute um ihn herum gleich wichtig sind. Zumindest weiß man bei ihm, woran man ist. Auch wenn es nicht immer unproblematisch ist, mit einem gläubigen Menschen befreundet zu sein.)
Linda mochte Graciano auch. Sie hatte sogar angefangen die Messe zu besuchen. Messen fanden mehrmals die Woche, Gebete und Andachten mehrmals täglich statt. Flint empfand das als übertrieben. Ihm fielen so viele Dinge ein, die er in dieser Zeit lieber tun würde. Doch wenn man sich einer Sache widmete, war es dann nicht besser, man tat es ganz und gar? Gab 100% von sich in diese Sache hinein? Wie hatte es Graciano genannt?
Von ganzem Herzen, mit all meiner Kraft, mit meinem ganzen Tun und Denken, heute und bis in alle Ewigkeit.
Es war wie ein Gebet, dass der Wächter selbst lebte. Flint empfand es als radikal. Es stieß ihn gleichermaßen ab, wie es ihn faszinierte.
Sind es die Dinge und Menschen, die wir lieben nicht wert, dass wir sie von ganzem Herzen, mit all unserer Kraft und mit unserem ganzen Tun und Denken berücksichtigen? Ist es nicht genau das, was sich andere von uns wünschen?
Er sah hinüber zu Katharina und bemerkte, dass sie ihn die ganze Zeit beobachtet haben musste. Jetzt sah sie schnell fort. Würde Katharina sich mit weniger als 100% zufrieden geben? Womöglich. Wer erwartete heutzutage noch, dass er alles von einem anderen fordern konnte? Dass sich der andere bedingungslos und vollkommen einem widmen würde? Doch wenn er darüber nachdachte, dann merkte Flint, dass er ihr gar nicht weniger als alles geben wollte. Ganz einfach, weil sie es verdiente. Und wenn Graciano sich ganz diesem Gott verschrieben hatte, dann war es nur recht und billig, dass er sich auch mit Haut und Haaren dafür einsetzte.
 Von ganzem Herzen, mit all meiner Kraft, mit meinem ganzen Tun und Denken, heute und bis in alle Ewigkeit.
Immer noch beobachtete er ihre zarte Silhouette. Ein abwesender Blick lag auf seinen Zügen. Er fühlte sich so merkwürdig… Es gab keine Worte dafür.
… ergriffen…?
Um wieder klare Gedanken fassen zu können schüttelte er energisch seinen Kopf und sah sich um.


4 Kommentare:

Nebelfeuer hat gesagt…

Ja, der gute Flint ist ja ein richtiger Romantiker!

Obwohl ich finde, dass diese bedingungslose Liebe schon sehr schwer zu leben ist. Und es ist einfacher sie mit Gott zu leben, als bei den Menschen. Denn bei Gott kann man sich sicher sein, dass sie auch erwidert wird.

Vielleicht ist es auch eine Überforderung für einen Menschen. Auf jeden Fall ist es für Flint, eine grosse Herausforderung, denn er hat sich bestimmt noch nie einem Menschen so nahe gefühlt.

Christina hat gesagt…

Ich lese die Zeilen gerade mit einem Schmunzeln und frage mich: Habe ich den Bogen überspannt? Können Männer wirklich so romantisch sein? ;+)

Nebelfeuer hat gesagt…

Oh - wir wollen ja mal nicht zu pessimistisch sein. ;-) Den ein oder anderen romantischen Mann gibt es bestimmt - und Flint gehört sicherlich dazu.

Christina hat gesagt…

An dieser Stelle wäre natürlich die Aussage eines Mannes interessant. Ich fürchte, frau erwartet meistens zu viel.

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